Konzert 2008 / 07.11.2008 / Franz. Kirche Bern / 20.00 Uhr

Georg Philipp Telemann (1681-1767) 

Der Tag des Gerichts

 

Am 14. Januar 1761 wurde der neue Konzertsaal „auf dem Kamp“, der sogar beheizbar war, eingeweiht. „Der Tag des Gerichts“ erlebte dort am 17. März 1762 seine Uraufführung. Der Dichter dieses „Singgedichts in vier Betrachtungen“, Christian Wilhelm Alers, Schüler Telemanns am Johanneum, verwendete Motive aus der Offenbarung von Johannes, den Paulus- und Petrusbriefen und Psalmen. In der ersten Betrachtung stehen Vernunft, Spötter und Religion dem Unglauben gegenüber; der Tag der Schrecken bringt Fluch den Ungläubigen und Heil den Gläubigen. In der zweiten Betrachtung wüten die Elemente, der Weltenrichter vernichtet die Tyrannen und der Glaube schwingt sich aus den Trümmern zum Himmel empor. Nach der Auferweckung der Toten durch den Erzengel in der dritten Betrachtung wird Gericht gehalten. Die Gläubigen werden Erben des Reiches Gottes, den Engeln gleich, die Gottlosen zur Hölle verdammt. „Die Tugend ist gerächt“ stellt in der vierten Betrachtung der Glaube fest und Johannes, die Seligen und Himmlischen stimmen Dank- und Loblieder an.

Das reiche Vokalwerk Telemanns, das leider noch grösstenteils unbekannt ist, zeichnet sich durch Natur- und Menschenliebe, Dramatik, Heiterkeit und Humor als Lebensphilosophie aus. Dieser aufklärerischen Haltung entspricht auch das Spätwerk von 1761 „Der Tag des Gerichts“.

Rudolf Wagner-Régeny (1903-1969)

Genesis

 

Genesis, 1955/56 entstanden, ist eine Kantate für Altsolo, Chor und kleines Orchester, nach der Vulgata, der lateinischen Übersetzung des Alten Testaments nach dem 1. Buch Mose. Entsprechend den sechs Schöpfungstagen enthält die Kantate sechs Teile, die durch motivisch-thematische Bezüge in sich eine Einheit bilden. Anfang und Schluss sind bei antithetischem Inhalt mit gleichartigen musikalischen Mitteln gestaltet, damit andeutend, dass sich der Kreislauf Leben – Vergänglichkeit, Geburt – Tod, geschlossen habe. Wagner-Régeny schreibt im Vorwort zum Klavierauszug des Werkes: „Mich hat die Freude an der althebräischen Geistigkeit bewogen, die GENESIS des Moses in Musik zu setzen. Denn diese Ahnung ist 2000 Jahre später von der Naturwissenschaft bestätigt worden: dass aus Nebeln (dem Chaos) die Erde entstand; das Leben durch die Einwirkung des Lichtes sich bildete; dass es im Wasser seinen Ursprung fand; dass die Rolle der Pflanzen aus dem Anorganischen des Erdreichs die Organismen des Tieres (und des Menschen) gleichsam hervorspielte… Diese Gedanken und Bilder erregen die Phantasie und führen zu beglückender Zusammenschau des Einzelnen. Schliesslich hebt die in ihrer Logik und Präzision unübertroffene Einfachheit der lateinischen Sprache das Bildwerk der Schöpfung in die Sphäre des Längergültigen, als es alle „lebenden“ Sprachen zu tun vermöchten. Wäre die Schöpfung nicht zum Ereignis geworden, gäbe es keinen Tod. Darum habe ich in den Ablauf des 6. Schöpfungstages zwei Formeln einbezogen: Die Melodie des Chorals „Es ist nun aus mit meinem Leben“, weil das Verharren im ewigen Nichtsein durch den Schöpfungsakt aufgehoben und das Rad von Leben und Tod sich zu drehen begann; und das „Pater noster“, welches die angesichts des Ganzen doch sehr kleinen Bitten für die Erträglichkeit eines kurzen Lebens enthält.“